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Verbrennt sie alle...

Aktualisiert: 16. Juli 2019



Dieses Wochenende war ich zu Gast bei der KinderUni Oberösterreich in Scharnstein im Almtal. Dort habe ich mit sechzehn sehr interessierten, sehr begeisterungsfähigen und sehr engagierten Kids zwischen 12 und 15 eine Hexenjagd veranstaltet. Am Schluss war mehr als ein Viertel der TeilnehmerInnen tot und die Obrigkeit musste einschreiten. Zu unser aller Glück war es nur ein Spiel. In Oberösterreich (damals: Österreich ob der Enns) vierhundert Jahre zurück war es blutiger Ernst: "Für Oberösterreich sind 162 Gerichtsverfahren wegen Hexerei bekannt, 86 Frauen und 170 Männer wurden angeklagt, 79 Hinrichtungen wegen Hexerei sind gesichert. Fast zwei Drittel der bekannten Todesurteile betrafen Männer." (OÖN) Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen ihre Nachbarn mit dem Vorwurf eines unbeweisbaren Verbrechens an den Galgen gebracht haben? Wie konnten Menschen so handeln? Wir würden das doch nie tun!


Spiele sind eine bewährte Methode Menschen dazu zu bringen, in Rollen zu schlüpfen, die sie sich sonst verbitten würden. Beim Mensch-ärgere-dich-nicht hat schon der freundlichste Zeitgenosse seine Maske fallen lassen und gnadenlos die Männchen der anderen Spieler rausgeworfen. Beim Monopoly wird der linkste Bobo zum Kapitalisten und auf dem Schachbrett haben Pazifisten keine Skrupel zitternde Bauernmilizen von Kriegselefanten zertrampeln zu lassen (Turm schlägt Bauer). Der Moment, in dem ein Spiel beginnt, ist ein magischer Augenblick, in dem wir die Regeln unserer alltäglichen Moral vergessen und uns freiwillig und ganz den Regeln des Spiels unterwerfen.

Sich Spielregeln zu unterwerfen und zu spielen um zu gewinnen ist freilich auch eine Kulturtechnik, die man erlernt; sie ist aber in unserer und zahlreichen anderen Gesellschaften so allgegenwärtig, dass wir sie als billige Grundlage für eine der schwierigsten Übungen des historischen und anthropologischen Denkens benutzen können: Stellt dir vor, du wärest an der Stelle eines anderen; wie würdest du handeln?


Bei freier Auswahl aller Möglichkeiten und aus der Sicherheit des Lehnsessels und der eigenen moralischen Überzeugungen, haben wir auf diese Frage üblicherweise rasch die Antwort parat, die wir von uns selbst gerne hören wollen: Selbstverständlich hätte ich meinen jüdischen Nachbarn nicht verraten. Selbstverständlich hätte ich keine Sklaven gehalten. Selbstverständlich hätte ich an keinem Kreuzzug teilgenommen. Selbstverständlich hätte ich nicht... Mit der Sicherheit uns moralisch weiterentwickelt zu haben, blicken wir auf die Verfehlungen unserer Vorfahren und sonnen uns im Glanz unseres Humanismus und unserer Aufgeklärtheit. Gut. Wir waren alle aufgeklärte Menschen in dem Klassenraum. 16 jungen Leute, die erstaunlich viel Ahnung von den historischen Hexenprozessen hatten (Kein Wunder, in Scharnstein ist das Kriminalmuseum!). "Also, bevor wir unser Spiel beginnen: Wir sind uns einig, dass es keine Hexen gibt, und dass es auch im 17. Jahrhundert keine Hexen gab." 16 mal "Ja!" Gut. Lasst uns ein Spiel spielen.


Eine Stunde später saßen noch zehn im immer enger werdenden Sesselkreis, der ein oberösterreichisches Dorf im 17. Jahrhundert darstellte, und versuchten verzweifelt durch eine eilige Ausdehnung der Hexenverbrennungen ("Dürfen wir in einer Runde auch mehr als eine Hexe verbrennen?" "Wenn ihr wollt...") doch noch die Satansjünger in ihrer geschrumpften Dorfgemeinschaft ausfindig zu machen, bevor, nachdem sie schon den Müller, den Wirt und den Maier auf den Scheiterhaufen gezerrt hatten, die Obrigkeit dem ganzen Spuk ein Ende setzen würde. In fünf, sechs intensiven Runden eines Spieles, das ich für diesen Event aus dem bekannten Werwolf-Spiel entwickelt hatte, hatten sie alle Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die man aus historischen Hexenprozessen kannte: Leute die sich auffällig verhielten, wurden angeklagt, weil sie zu auffällig waren. Leute, die sich unauffällig verhielten, wurden angeklagt, weil sie sich so auffällig unauffällig verhielten. Wer eine angebliche Hexe verteidigte, wurde angeklagt. Wer viele andere anklagte, wurde schließlich selbst angeklagt. Wer versuchte, mit Logik und Vernunft zu argumentieren, wurde angeklagt. Wer nie von den durch Hexerei verursachten Schäden betroffen war, wurde angeklagt, weil eine Hexe sich ja nicht selbst schaden würde! Wer doch von den durch angebliche Hexerei verursachten Unglücksfällen betroffen war, wurde angeklagt, denn eine kluge Hexe würde sich natürlich selbst schädigen, um von sich abzulenken! Der Pfarrer, der das Privileg hatte, dreimal im Spiel jemandem vom Scheiterhaufen zu holen, wurde angeklagt, nachdem er von diesem Privileg Gebrauch gemacht hatte. Nur sein geistlicher Stand rettete ihn. Fehden zwischen Gruppen von Spielern wurden auf dem Weg der Hexenprozesse ausgetragen und eine Angeklagte bezichtigte - wie viele unter der Folter - ihre Anklägerin, selbst eine Hexe zu sein.


Was die Spieler nicht wussten: Es gab keine Hexen. Wie im oberösterreichischen Dorf des 17. Jahrhunderts gab es auch im oberösterreichischen Klassenzimmer des 21. keinen, der in der Nacht(Phase) - während alle anderen Spieler die Augen geschlossen hielten - die Augen öffnete und auf einen anderen Spieler zeigte, um ihn zu verhexen. Die Unglücksfälle (zweiköpfige Kälber, saure Milch, verregnete Heumahd, tote Zugpferde) teilte ich, der Moderator, in jeder Nachtrunde einfach zufällig zu, so wie auch der Zufall in der wirklichen Welt ohne erkennbare Ursache die Bauern eines Dorfes mit Unglück schlug. Lediglich mein Satz in der Erklärung der Spielregeln am Beginn ("Unter euch sind drei Spieler, auf deren Rollenkarte ein H für Hexe steht.") hatte alle davon überzeugt, dass es in den Klassenzimmer Hexen gab, dass diese Hexen jede Nacht einen anderen Spieler auswählten, dem dann etwas schreckliches zustieß, und dass sie das Spiel nur gewinnen konnten, indem sie die Hexen aufspürten und unschädlich machten. Durch die Magie des Spieles hatte ich aus klugen, aufgeklärten jungen Menschen des 21. Jahrhunderts abergläubische und verängstigte Bauern des 17. Jahrhunderts gemacht. Sie verhielten sich exakt so, wie ihre Vorfahren vor 400 Jahren sich verhalten haben. "Wir waren uns doch einig, dass es keine Hexen gibt, und dass es auch im 17. Jahrhundert keine Hexen gab." 16 mal "Ja!" Gut, dass es nur ein Spiel war.

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