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Any/Somewhere in Athens

Aktualisiert: 25. Apr. 2019


Ostern war ich in Athen, einer Stadt, die ich seit vielen Jahren einigermaßen gut kenne und regelmäßig besuche. Angefangen hat es mit meiner Studienzeit und dem antiken Athen des Verfassungsreformers Kleisthenes und des Komödiendichters Aristophanes. Über schmutzige Komödienwitze versuchten wir zu verstehen, wie der Gesetzgeber die Bürgerschaft organisiert hatte. Die Suche nach dem alten Athen führte in das gegenwärtige der Nullerjahre. Ich fand mich in Hinterhöfe mit Autowerkstätten, Gassen in Arbeitervierteln mit schläfrigen Hunden und ältlichen Losverkäufern und in einem verwahrlosten Park mit einem Fußballkäfig, in dem jener Kolonos lag - jener 'Hügel' halt - auf dem Theseus in Sophokles "Ödipus auf Kolonos" dem blinden Flüchtling Zuflucht und eine Grabstätte gewährte, damals irgendwo in Athen.

Jetzt war ich wieder dort, doch nun existierte an derselben Stelle eine weitere Stadt. Nicht das antike Athen, nicht das Athen das ich kennen gelernt hatte und das die Krise ausgeblutet hatte, sondern das globale Athen, das Athen der schicken Bars, der teuren Kettenläden, der fröhlich in English parlierenden urbanen Jugend, das Athen, das irgendwo sein könnte.


Der Brite David Goodhart hat mit seinem Buch "The Road to Somewhere" eine spannende Erklärung für die eigenartigen Landkarten angeboten, die die Wahlen der letzten Jahre erzeugt haben: Trump, Brexit, selbst die österreichische Bundespräsidentenwahl, immer stimmen die urbanen Zentren liberal/links/grün/progressiv und die ländlichen Regionen und oft die alten Industrieregionen, die eigentlich mal Hochburgen der Sozialdemokratie waren, konservativ/rechts/national/reaktionär. Was steckt dahinter?


Nach Goodharts Meinung haben sich in den meisten Nationen zwei Kulturen gebildet, welche nur geographisch in den desselben Ländern leben. Tatsächlich existieren diese beiden Gruppen aber in zwei verschiedenen Welten.


Die einen leben in einem globalisierten Städtearchipel, sind jung gebildet, offen, weltgewandt und definieren sich über ihren Erfolg in der globalen Wirtschaft - oder in den lokalen Kuschelökonomien der Boboenklaven. Sie sind die Anywheres, die irgendwo auf der Welt existieren können, für die es unerheblich ist, ob sie ihren Start-up oder ihre Vintage-Boutique in Berlin, London, Los Angeles oder eben Athen eröffnen. Die - wie das Pärchen im Flugzeug auf dem Heimflug - mit ihrem Partner oft nichtmal eine Sprache gemeinsam haben und ihre Kinder in jener verarmten Version des Englischen erziehen, das Anglisten mittlerweile so charmant ELF (English as a lingua franca) nennen (dazu ein andermal mehr).


Rund um sie leben die Somewheres, die irgendwo hingehören, meist nur mit Menschen derselben Muttersprache kommunizieren können, meist in ihren Gemeinschaften, Nachbarschaften, Familien, den Gemeinden ihres Glaubens und in jenen zahlreichen Korporationen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens verankert sind, welche einmal als Rückgrat der Kommunen und der Gesellschaft galten. Goodhart bescheinigt ihnen vor allem eine Abneigung gegen Veränderung, was aber auch erklärbar ist, bedeuteten die Veränderungen ihrer erinnerlichen Lebenszeit (der letzten 30-40 Jahre also) für diese Menschen in den meisten Fällen doch eine Verschlechterung ihrer Lebensumstände, -chancen und vor allem ihres lokalen Lebensumfeldes.


In Athen stach dem, der die Stadt längern kennt, vor allem Letzteres ins Auge: Die kleinen Läden, die schmierigen Werkstätten, die kahlen Kafenia, welche die Straßen abseits des brummenden Stadtzentrums noch zu später Stunde lebendig gemacht hatten, sind hinter permanent herabgelassenen Rollbalken verschwunden, auf denen noch ein paar trotzige Graffitis verratenen Hoffnungen an eine neue Linke oder anarchistische Parolen verkünden. Vor allem ist es still geworden in der Stadt. Dort, wo nicht das schicke Nachtleben pulsiert, herrscht schon früh am Abend gespenstische Ruhe...in einer mediterranen Stadt! Auch der Autoverkehr in der Nacht ist weniger geworden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Seinerzeit ging er mir auf die Nerven. Sein Fehlen weist aber auf etwas Dramatisches hin: Der nächtliche Lieferverkehr hat sich massiv vermindert! Der brummende, quietschende und oft fluchende Indikator für die Kaufkraft des lokalen Endverbrauchers ist verstummt.


Goodharts Hypothese verträgt sicherlich noch Verfeinerung, doch trifft sie eine Wahrheit im Kern. Es gibt eine neue Kultur auf unserem Planeten, die Kultur der Globalen Zivilisation und die Anywheres sind ihre ersten Vertreter, die gentrifizierten Viertel der Schwarmstädte ihre ersten Territorien, ELF ist ihre Sprache und sie hat sogar schon so etwas wie eine Nationaltracht (Business suits und Hipster-look), wahrscheinlich ein Nationalgericht (irgendwas Veganes mit Avokado drin) und - wenn ich nur mehr Ahnung von Musik hätte - wahrscheinlich schon eine Hymne. Sie sind die römischen Bürger des Imperiums der Gegenwart, die zwar mitten unter den Unterworfenen leben von ihnen aber durch ihre Teilhabe an einer supranationalen Zivilisation - wie einst der Apostel Paulus (civis romanus), der in Athen auch mal durchkam - geschieden sind.


In Athen, das schon so viele Imperien kommen und gehen gesehen hat, sind sie mir vielleicht deutlicher aufgefallen, als zuhause, die neuen Herren der Welt und ihre eifrigen Nachahmer. Die Stadt, welche sich kurz selbst als Herrin versuchte, hat sich danach vor vielen Herrschern und ihren supranationalen Zivilisationen gebeugt: Hellenistischen Königen, römischen Imperatoren, byzantinischen Kaisern, osmanischen Sultanen, britischen, französischen, russischen und italienischen und nazideutschen Imperialisten, zuletzt der NATO und EU. Jetzt kann man beobachten, wie neben den Propyläen des Perikles, der Stoa des Attalos, dem Forum des Hadrian, byzantinischen Kirchen, osmanischen Badehäusern und dem Hotel Grand Bretagne die Prachtbauten des Ersten Globalen Imperiums aufgeführt werden. Und wenn man im Gassengewirr kurz vergisst, was man gerade sieht - die Baustellen oder die Ruinen - sieht man keinen Unterschied. Athen ist rundherum geblieben, irgendwo, und die Imperien sind ... nirgendwo.

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