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Jeder stirbt alleine...

Aktualisiert: 8. Aug. 2019


Die Wildnis Szene boomt. Der Trend der „Wilderness-Awareness-Schools“ aus Amerika ist sein einigen Jahren in Europa angekommen und so wächst das Angebot an Wildnis Schulen und Kursen. Wildpflanzen werden ausgegraben und verspeist, man versucht sich im Feuer machen ohne jegliche Hilfsmittel, die Vogelsprache will verstanden werden und manch einer macht sich auf die Suche nach einer spirituellen Verbindung mit der Natur. Während sich die Szene in wildnisinteressierte Esoteriker, Prepper (vom engl. „to prepare“ Menschen, die sich auf die Apokalypse vorbereiten) und militärisch-skill-orientierten Survivalists gliedern lässt – haben letztlich alle ein gemeinsames Ziel: durch skill-training und Wissenserwerb alleine (am besten mit nur einem Messer ausgerüstet!) in der Wildnis überleben zu können.

Der Fokus liegt hierbei tatsächlich auf dem Konzept der Wildnis und nicht dem der Natur. Da in Europa keine wirklichen Urwälder zu finden sind, da Jahrhunderte Forst- und Jagdwirtschaft ihren Beitrag geleistet haben, ist das einzige Kriterium für die „Wildnis“ eine "von Menschen nicht dauerhaft bewohnte Fläche". Wildnis kann im europäischen Falle demzufolge eigentlich mit Wald gleichgesetzt werden.

Wenn man sich nun in der Wildnis (oder im Wald) befindet geht es zum Einen darum sich Überlebensskills anzueignen und zum Anderen eine tiefgreifende (oft spirituelle) Verbindung mit der Natur aufzubauen - ganz so wie es auch unsere Vorfahren schon getan haben (sollen) - so wird einem das zumindest erklärt.


Individuelles enskillment ist ein zentraler Aspekt. Es geht darum sich Wissen über die Ökologie anzueignen, seine skills (im Unterschlupfbau, bei der Herstellung von Werkzeugen und Ausrüstung, für verschiedene Methoden des Feuer Machens, bei der Suche nach Survival Nahrung etc.) zu perfektionieren, sich letztendlich unkaputtbar zu trimmen – um im (schlimmsten) Falle, nur mit einem Messer ausgerüstet, in der Wildnis überleben zu können.


Die Verbindung zu unseren indigenen Vorfahren (Ahnen) zieht sich in diesem Unterfangen - und tatsächlich in allen Ausprägungen der Szene - wie ein roter Faden durch. Die einheitliche Lehre der Wildnisschulen beruht auf der Idee, dass alle Menschen doch eigentlich eine Verbindung zu ihrer natürlichen Umwelt hätten – diese jedoch im Laufe der Zivilisierungsprozesse verloren gegangen ist.

So wie die Wildnis wird auch das Konzept von Indigenen hier nie ganz klar definiert. Indigene, das sind im Falle meist alle anderen. Alle, außer wir, die in der westlichen Welt leben, oder so. Wie gesagt die Definition bleibt schwammig - lässt im Umkehrschluss jedoch genügend Raum für Eigeninterpretationen. Verkaufstechnisch natürlich clever.

Betrachtet man diese schwammige Argumentation nun aber von der Kehrseite, wird’s schnell bedenklich und eigentlich rassistisch. Im Umkehrschluss hieße dies nämlich, dass die so-called ursprünglichen und natürlichen Indigenen/Urvölker o.ä. grundlegend anders wären als wir. Sie haben eine tiefe Verbindung zur Natur, eine Spiritualität in sich, die wir, als Westler, gar nicht verstehen können. Ein erschreckend exotisierender Zugang. Klar, nicht intendiert, aber dennoch ziemlich präsent. Mal hoffen, dass die Konsumenten nicht eines Tages anfangen mitzudenken.

Zum anderen vergisst die Szene einen ganz wichtigen Faktor, wenn sie das individual survival propagiert, und zwar den community factor. Wenn man sich schon auf indigene Völker (höchstwahrscheinlich sind damit Jäger und Sammler Gesellschaften gemeint – die aus anthropologischer Sicht übrigens eine ganz spezielle Form der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation aufweisen) bezieht, dann sollte man sich vielleicht fragen, wie und warum der Mensch, der einen Großteil seiner Zeit als Jäger und Sammler verbrachte, denn eigentlich all die kulturellen (und damit spirituellen) Wandlungen, die teils extremen ökologischen Bedingungen und auch so manche Fast-Apokalypsen survived hat?


Hier ist der Befund klar: Die Menschheit hat die letzten 300.000 Jahren nicht überlebt, weil sich Individuen zu mental und physisch starken Survivalists getrimmt haben, sondern, weil wir es geschafft haben eine spezifische Art der Kooperation zu entwickeln, durch einen Mechanismus, den wir Kultur nennen. Kooperation und Anpassung gingen Hand in Hand. Damals wie heute. Jeder stirbt alleine. Überleben tun wir gemeinsam.

In der Wildnis-Szene, in der es ja eigentlich darum ginge „die Natur des Menschen“ zu erkennen und zu leben, ist wohl der alte Trugschluss des „Survival of the Fittest“ mit dem gegenwärtigen Hyperindividualismus eine fruchtbare Verbindung eingegangen.


Denkaufgabe zum Mitnehmen: Warum, wenn es doch explizit ums eigene Überleben in der der Wildnis geht, wächst und wächst die Wildnis-Community so dynamisch? Sollten wir nicht eigentlich alle allein zu Hause, abgeschirmt von anderen, an unseren Skills arbeiten? Warum brauche ich nun anscheinend doch eine Community um mein individualistisches (Überlebens-) Ziel zu erreichen – ist der Wildnis-Boom ein Paradoxon?



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