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Schwellwert für Gott: 1.000.000

Aktualisiert: 22. Apr. 2019


Die renomierte Zeitschrift 'Nature' veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe einen Artikel von Harvey Whitehouse et al. (https://doi.org/10.1038/s41586-019-1043-4), der auf schwachen vier Seiten eine phantastische Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen Religion und gesellschaftlicher Komplexität herstellt.


Durch einen statistischen Vergleich von etwa dreißig historischen Gesellschaften konnten die Autoren belegen, dass ab einer gewissen durch verschiedene Indikatoren messbaren gesellschaftlichen Komplexität und einer Bevölkerungszahl von ca. einer Million ein neues, revolutionäres und kulturgeschichtlich bedeutsames Phänomen auftritt: "moralisierende Hochgötter" (MHG = moralizing high gods) - der Gott der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) ist das wohl das beste Beispiel - oder wahlweise 'allgemeine übernatürliche Bestrafung' (BSP = broad supernatural punishment) - also das, was man sich landläufig so unter 'Karma' vorstellt.


Einfach gesagt, sobald Gesellschaften eine gewisse Größe und damit Komplexität erreichen, braucht es eine moralische Instanz - die sich in erster Linie in den Köpfen der Menschen befindet - um ihr Funktionieren zu gewährleisten. Die bisherigen Mechanismen der sozialen Kontrolle und des Zusammenhalts reichen offenbar nicht mehr aus, Wohlverhalten zu garantieren, wenn man in der Masse untertauchen kann und die Beziehungen zu anderen Menschen so komplex und damit undurchschaubar werden, dass man die unmittelbaren Auswirkungen eigenen moralischen oder unmoralischen Handelns nicht mehr überblickt.


Nicht mehr die unmittelbare, menschliche Reaktion meines Gegenübers und meines Umfeldes darauf, dass ich mich wie ein Arsch verhalte, zeigt mir, dass ich mich gerade wie ein Arsch verhalte, sondern die mahnende Stimme Gottes in meinem Gewissen, das sich rein geistesgeschichtlich erst an diesem Punkt der Kulturentwicklung gebildet haben dürfte. Die Bestrafung für die Sauereien, die ich mir gegenüber meinen Mitmenschen zuschulden kommen lasse, erfolgt nicht mehr durch die Missachtung und Verachtung eben dieser Mitmenschen und aller anderen, die es mitkriegen, sondern durch einen ganzen Stab von übernatürlichen Exekutoren im Jenseits. Die Hölle öffnet ihre Pforten.


Durchschnittlich zwei- bis dreitausend Jahre - in den üblichen Vorreiterregionen schon länger - sind wir mit diesem Modell weitergekommen. Um 1800, als die erste Welle der Globalisierung die Welt zu einem Ganzen verband und diese erste Globalgesellschaft eine Milliarde (1000 Millionen) Menschen umfasst, wurden die MHGs und BSPs von den Prinzipien der Aufklärung, Freiheit, Humanismus und Menschenrechten als moralische Instanzen abgelöst.


Gut 200 Jahre später steht die globale Gesellschaft vor einer neuen Zehnerpotenz. Bald bevölkern 10 Milliarden Menschen diesen Planeten und die Komplexität unserer Gesellschaft ist ebenso rasant gewachsen. Allethalben schreien die Leute nach 'mehr Moral' im Umgang der Menschen miteinander und unserem gemeinsamen Lebensraum - den Carl Sagan so schön einen "blassen, blauen Punkt" nannte. Wenn die Erkenntnisse von Whitehouse et al. uns etwas darüber verraten, wie menschliche Gesellschaften mit der Herausforderung umgehen, in größeren und komplexeren Gesellschaften moralisches Handeln zu erzeugen, dann ist nicht 'mehr Moral' sondern eine 'andere Moralität' zu erwarten: Ein Sprung der Qualität, nicht der Quantität, kündigt sich an.

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